Fernglas

Journalist und Kolumnist Bernd Loose richtet sein ganz persönliches "Fernglas" auf den FC Energie, die Liga und alles was den Fußball betrifft. Nahezu wöchentlich gibt es hier eine neue Ausgabe für Euch zum Lesen.

Spektakel, der Spieler des Jahres und ein trügerischer Erfolg

Ja, der Pokal hat seine eigenen Gesetze. Nein, nicht der AOK-Landespokal, den Energie souverän Ende Mai im Stadion der Freundschaft eintütete. Nein der DFB-Pokal. Hätte – hätte – Fahrradkette. Der glückliche Erstrundensieger aus dem August VfB Stuttgart, der von einigen, den Schwaben wohlgesonnenen Quadratzentimetern am Elfmeterpunkt nahe der Nordwand profitierte, setzte sich gegen die dauerstrauchelnden Betze-Buben durch und musste sich gegen keineswegs überragende Mainzer nun im Achtelfinale geschlagen geben. Statt dem VfB wäre der FCE gegen den 1. FC Kaiserslautern in die nächste Runde gegangen und wäre gegen Mainz 05 sicher nicht chancenlos gewesen. Tja und wer weiß, unter Umständen wäre es im Viertelfinale zu einem Aufeinandertreffen mit dem SC Paderborn und einem Wiedersehen mit Sven Michel gekommen. Und an einem guten Tag ist alles möglich – und Energie wäre plötzlich im Halbfinale. Peng! Wäre – wäre – wäre – Fahrradkette. Ja, der „Loddar“ Matthäus ist schon ein wahrer Fußball-Philosoph. Noch zwei Worte zu den Pokalen. Der Gewinn des AOK-Landespokals ist ein toller Erfolg für Energie, den man sich gerne in den Briefkopf schreibt. Ein Fußballfest vor über 8.000 Zuschauern. Das Spiel gegen Stuttgart war kaum an Dramatik zu überbieten. Lange Zeit war dem objektiven Zuschauer nicht klar, wer in der Bundesliga, bzw. in der Regionalliga spielt. Noch in der Verlängerung war ein Sieg der Lausitzer möglich. Doch die Latte des Stuttgarter Tores hatte etwas gegen den Kopfball von Marc Stein. Und dann die Wiese rund um den ominösen Punkt. Schwamm drüber. Energie Cottbus hat in diesem Spiel eindrucksvoll Werbung gemacht für den Viertligafußball, für die Region und die Begeisterung der Fans für ihren Lieblingsclub. Das war Spektakel vom Feinsten. Der Liga-Krösus FC Bayern hat sich zuletzt mit einer Halbzeit prickelndem Champagner-Fußball gegen das zunächst etwas labberige „Pilsken“ BVB Dortmund durchgesetzt. Im Verlauf dieser neunzig Minuten kam dem Chronisten immer wieder der Satz eines Trainers in den Sinn, dass der FCE die Bayern der Regionalliga Nordost seien. Nicht ganz so weit hergeholt, wenn man die Teams mal Mann für Mann vergleicht. Dazu: Bester Kader, bestes Stadion, beste Fans – okay, beste Fans ist im Vergleich zu den Bayern-Anhängern etwas subjektiv, weil nicht vergleichbar.

Ein bewegtes Jahr liegt hinter dem FCE. Fast-Insolvenz Ende 2016, Rettung durch einen ziemlich besten Freund von Energie-Präsident Michael Wahlich. Bau eines Kunstrasenplatzes für den Nachwuchs, ermöglicht durch zahlreiche Spenden der Fans und des Handwerks aus der Lausitz. Das Hase-und-Igel-Spiel mit dem FC Carl-Zeiss-Jena in der Regionalliga Nordost, gegen den immerhin vier Punkte geholt wurden. Das tolle 3:1 gegen den späteren Aufsteiger vor über 13.000 Zuschauern in Cottbus Anfang April zeigte, welch ein eingeschworenes Team Pele Wollitz in wenigen Monaten nach dem Abstieg aus der 3. Liga aus dem Nichts geformt hat. Die Früchte dieser Saat erntet das Team in der laufenden Saison. Leider auch in der Erinnerung geblieben sind die Vorfälle beim Ligaspiel in Babelsberg. Trauriger Höhepunkt einer sich längere Zeit andeutenden Radikalisierung von Gruppierungen, die den FC Energie als öffentliche Plattform für ihre kranke Gesinnung missbrauchten, die aber auch so gar nichts mit Fußball zu tun hat. Und dem Verein einen immensen Imageschaden zufügten. Die bundesweite Berichterstattung über die Vorfälle steht isoliert in der Öffentlichkeit und es wurde mit keiner Silbe in den überregionalen Medien erwähnt, welche Anstrengungen der FCE unternommen hat, um diesen Chaoten den Nährboden Fußball konsequent zu entziehen. Das Verfahren des NOFV musste zu einer (gesichtswahrenden) Bestrafung führen, die in zweiter Instanz reduziert wurde, dem Verein Energie Cottbus jedoch noch immer in jeder Hinsicht wehtut.

In Erinnerung geblieben sind auch die Neutronen, die vor einigen Monaten durch den Eliaspark zischten und in Form eines generösen, quasi aus dem Nichts auftauchenden Geldgebers Energie bis zu 10 Millionen Euronen, ähem, Euro in die stets aufnahmebereiten Kassen spülen sollten. Der ganze Auftritt des Hauptgesellschafters der besagten Firma war von Anfang geprägt von dem Willen und der merkwürdigen Ausstrahlung, seine Firma, die bis dato keine Geschäftstätigkeit, sondern nur eine Vision vorzuweisen hatte, über Energie Cottbus landesweit bekannt zu machen. Das ist nur kurz gelungen. Der weise Vorstand um Michael Wahlich und die Geschäftsleitung rochen den Braten schnell und beendeten die Zusammenarbeit mit den unsichtbaren Teilchen, noch bevor sie überhaupt begonnen hatte. Dass der FCE jedoch einem Geldregen durchaus nicht abgeneigt ist, zeigt die Causa Maximilian Philipp. Der Ex-Cottbuser wechselte im Sommer für ca. 20 Millionen von Freiburg nach Dortmund. Etwa 1,8 Millionen davon wanderten dem Vernehmen nach auf das Konto von Energie, weil der ehemalige Sportdirektor Christian Beeck beim Wechsel Philipps nach Freiburg vorausschauend einen 10-prozentigen Nachschlag bei einem weiteren Transfer des gebürtigen Berliners vereinbarte.

Gerade frisch ausgelost: Halbfinale AOK-Landespokal in Fürstenwalde auf einem Sportplatz, auf dem besser Acht gegen Acht gespielt werden sollte. Das wird ähnlich kompliziert wie in der Vorrunde, doch auch diese Hürde sollten Peles Mannen kurz vor Ostern nehmen können.
18 Spiele ungeschlagen, 50 Punkte, nur fünf Gegentore in der Liga, 43 selbst erzielt. Eine beeindruckende Serie, die wahrscheinlich nicht so schnell reißen wird. Ja, es gibt nichts zu meckern. Okay, manchmal wäre etwas mehr Spektakel gut für die Fan-Seele. Doch sollte man keine Sekunde vergessen, dass jeder Gegner das Aufeinandertreffen mit Energie Cottbus als Spiel des Jahres apostrophiert und dementsprechend motiviert gegen das Wollitz-Team antritt. Das muss alles erst einmal gespielt sein. Vor einigen Tagen wurde dazu aufgerufen, den Spieler des Jahres 2017 bei Energie zu wählen. Es gibt einige aus dem Team, die dafür in Frage kämen. Sie wären jedoch nichts ohne die Mannschaft. Aus diesem Grund wähle ich die Mannschaft des FC Energie Cottbus zum Spieler des Jahres 2017.

Spectaculum maximus wird es mit Sicherheit in den Spielen 35 und 36 geben, die der DFB sinnigerweise drei bzw. sechs Tage nach dem Tag der Amateure mit den 17 Landespokalfinalbegegnungen angesetzt hat. Es wird Einiges geboten zwischen dem 21. und 27. Mai des nächsten Jahres.
Apropos DFB. Nach dem „Revoluzzer“ Pele Wollitz seinen Willen durchgesetzt, dem Dachverband eins aufs Dach gegeben und ihn zu einem letztlich zeitschindenden Mini-Interims-Reförmchen getrieben hat, zeigt sich bei näherem Hinsehen, welch trügerischer Erfolg aus Sicht des „ewig abgehängten Ostens“ erstritten wurde. Das DFB-Zuckerl, dass in der Saison 2018/19 neben dem Südwesten der Nordosten den zweiten festen Aufsteiger stellt, ist gut und schön. Birgt jedoch für Energie die Gefahr, dass bei Nichtgelingen des großen Ziels in 2018 die Regionalliga Nordost in der darauffolgenden Saison vor Aufstiegskandidaten nur so wimmelt. Wenn, getreu nach Murphy‘s Gesetz, alles schiefläuft was schieflaufen kann, kommen aus der 3. Liga im Mai gleich drei Vereine in die Regionalliga Nordost. Das führt dann zu einem Massenabstieg in die 5. Liga und macht die Aufgabe, am Ende der Saison 2018/19 auf dem Platz an der Sonne zu sitzen, doppelt und dreifach schwer. Ergo ist der FC Energie mehr oder minder zum Aufsteigen verdammt. Peles Männer können es schaffen. Vor dem Triumph aber werden alle, die es mit Energie halten, mindestens zweimal im Stadion der Freundschaft und einmal in der Fremde zu einem kollektiven Spektakel beitragen müssen. Den Rest besorgt die Mannschaft.

- von Bernd Loose -