Fernglas

Journalist und Kolumnist Bernd Loose richtet sein ganz persönliches "Fernglas" auf den FC Energie, die Liga und alles was den Fußball betrifft. Nahezu wöchentlich gibt es hier eine neue Ausgabe für Euch zum Lesen.

Schnell ankommen

 

Na kribbelt es schon? Nein? Wer jetzt nicht langsam anfängt zu vibrieren, so kurz vor dem Heimspiel gegen den selbsternannten Aufstiegsaspiranten Hansa Rostock, der wird wahrscheinlich am Sonntag Mittag um 13.00 Uhr eher im Madlower Badesee chillen, als im Glutofen Stadion der Freundschaft bei subtropischen 29 Grad Celsius im Schatten den FC Energie anzufeuern. Geschätzte 15.000 sich nach gutem Drittligafußball verzehrende Fans werden die schmucke Arena am Eliaspark in einen brodelnden, rotweißen Hexenkessel verwandeln. Und nicht nur sie. Über 2500 Fans aus Rostock werden die 360 Kilometer Anreise aus der nördlichsten in die östlichste Drittligastadt nicht scheuen und die Sütribüne in ein tiefes, gischt-umtostes ostseeblauweiß tauchen.
Es ist angerichtet. Nicht weniger als zehn ehemalige Bundesligisten machen das Profi-Souterrain der Republik zu der wahrscheinlich von den Namen her attraktivsten eingleisigen 3. Liga ihrer jetzt zehnjährigen Geschichte. Es würde nicht verwundern, wenn der Zuschauer-Rekord aus der Spielzeit 2015/16 – knapp 2,7 Millionen Zuschauer hatten damals den Weg zu den 380 Spielen in die Stadien gefunden – in den kommenden zehn Monaten überboten würde. Schon am ersten Spieltag kommt es zum Südschlager zweier Bundesliga-Meister aus dem vergangenen Jahrhundert.

Wenn sich am Samstag um 14.00 der 1. FC Kaiserslautern und der TSV 1860 München im Absteiger-Aufsteiger-Duell gegenüberstehen, wird der „Betze“ beben und vielleicht mit knapp 50.000 Zuschauern ausverkauft sein. Nicht umsonst überträgt die ARD dieses Spiel live. Für alle anderen Mannschaften wird diese Begegnung wichtige Fingerzeige geben, wie es sich anfühlen wird, in die Hölle Betzenberg zu kommen und dem Druck der heimischen Fans im Fritz-Walter-Stadion standzuhalten.

Mit dem legendären Stadion in der Pfalz müssen sich die Spieler des FC Energie zunächst nicht auseinandersetzen, denn sie gastieren am 14. Spieltag, sprich dem ersten Novemberwochenende bei den „Roten Teufeln“. Zu diesem Zeitpunkt ist ein gutes Drittel der Saison gespielt und der FCE sollte sich bis dahin in der neuen Umgebung akklimatisiert haben. Leicht wird das nicht. Die ersten fünf Begegnungen gegen Rostock, Wehen-Wiesbaden, Haching, Würzburg und Meppen sind richtungsweisend, denn in diesen Spielen geht es gegen Aufstiegsaspiranten ebenso wie gegen Mannschaften, die froh sind, in der 3. Liga mitwirken zu dürfen und für die das Ziel Klassenerhalt das höchste der Gefühle sein wird. Ebenso für den FCE.

Da der FC Energie in der laufenden Transferperiode nicht auf das sich hochtourig drehende Spielerkarussell aufgesprungen ist und die sportliche Leitung zunächst eher auf die Geschlossenheit und die fußballerischen Fähigkeiten der Aufstiegsmannschaft setzt, muss das erste Etappenziel heißen, schnell anzukommen in dieser Klasse, sich den Heimnimbus erhalten, der Konkurrenz zu zeigen: wir sind konkurrenzfähig. Und zu Hause eine Macht mit den Fans im Rücken und der Fähigkeit, spielerisch und kämpferisch in jedem Spiel alles, was drin ist, „auf die Platte“ zu bringen.

Am Sonntag wird die Mannschaft ein neues Kapitel in der Vereinsgeschichte schreiben. Es ist der Beginn einer neuen Ära nach langen Jahren des Niedergangs und der Enttäuschungen und zwei Spielzeiten voller Entbehrungen in der Regionalliga Nordost. Die Überlebensfähigkeit des Vereins in den zwei Jahren der Viertklassigkeit hing oftmals an einem seidenen Faden. Doch die Liebe zu Energie und eine weise Vereinsführung haben den Club überleben lassen. Die Mannschaft hat sich die Reise durch die 3. Liga verdient und alle, die über zwei Jahre daran mitgewirkt haben zurück zu kommen, ebenfalls. Zurückkommen war gestern. Jetzt heißt es ankommen. Schnell ankommen. Am besten mit einem Erfolgserlebnis gegen Rostock.

- von Bernd Loose -