Fernglas

Journalist und Kolumnist Bernd Loose richtet sein ganz persönliches "Fernglas" auf den FC Energie, die Liga und alles was den Fußball betrifft. Nahezu wöchentlich gibt es hier eine neue Ausgabe für Euch zum Lesen.

Mit breiter Brust

Am vergangenen Montag war der 14. Mai 2018. Für viele ein Tag wie jeder andere. Für Anhänger des FC Energie Cottbus ist dieses Datum jedoch ein besonderes. An diesem Tag vor zwei Jahren ereignete sich der GAU. Energie führte bis zur 89. Minute gegen Mainz II und war zu diesem Zeitpunkt gerettet. Der dem FCE geneigte Verfasser dieser Zeilen schaltete also ob der vermeintlichen Rettung zum finalen Ballyhoo der Bundesliga ins Bezahlfernsehen. Interessehalber dann kurz vor Beginn der Spiele der Beletage nochmals ins dritte Programm gen Osten. Spieler in Rot am Boden, eine apokalyptische Stimmung im Stadion der Freundschaft, in diesem Moment das Stadion der Verzweiflung. Energie hatte sich in den letzten vier Minuten der Begegnung aus der Liga kegeln lassen. Das war schmerzhaft. Und doch hat das ultimativ gekränkte Lausitzer Fußball-Herz mit diesem Tag nicht aufgehört zu schlagen. Der Rest ist bekannt. In der Saison 1 nach dem fußballerischen Totalschaden war der Fußballclub aus Jena voraussetzungsbedingt reifer und letztlich verdient in die 3. Liga versetzt worden.

In der vergangenen Spielzeit konnte kein Team der Regionalliga Nordost dem FCE in jeglicher Hinsicht das Wasser reichen. Und nicht nur in der Regionalliga Nordost. Bayern München mit 84 Punkten und einer Tordifferenz von 64 Toren bleibt hinter dem FCE zurück. Ebenso wie die Aufsteiger aus Liga 3 und 2 und die Meister der restlichen Regionalligen der Republik. Die eindrucksvolle Energie-Bilanz des FCE: 89 Punkte – Tordifferenz 65 – Spielbilanz 28-5-1. Nicht zu unterschlagen der erneute Einzug ins Landespokalfinale gegen Babelsberg. Und doch sind die beeindruckenden Zahlen letztlich nur eine Momentaufnahme. Die Woche der Wahrheit naht. Und die Spannung steigt. Wer wird der Gegner von Energie am 24. Und 27. Mai?

Der SC Weiche 08 aus Flensburg hat mit einem 1:1 den erforderlichen Punkt in Havelse ergattert - Torschütze? Guder, wer sonst - und so kommt es zum Aufeinandertreffen von Groß gegen Klein. Der Verein aus der Handballhochburg Flensburg mutet im Vergleich mit den weiteren Aufstiegsaspiranten und ehemaligen Bundesligisten 1. FC Saarbrücken, SV Waldhof Mannheim, TSV 1860 München, KFC Uerdingen 05 und eben dem FC Energie Cottbus ein wenig wie das kleine gallische Dorf aus Asterix und Obelix an. Wikipedia konstatiert: „Der Stadtteil Weiche bietet nur wenige Sehenswürdigkeiten. Der Mückenwald dient mit dem dort am Rande liegenden Freibad der Naherholung der ortsansässigen Bevölkerung. Einen gewissen Schauwert hat der unweit gelegene Flugplatz Schäferhaus.“ Das sagt alles. Mit knapp sechstausend Einwohnern ist der Stadtteil Weiche im Südwesten von Flensburg eher unauffällig und frei von jeglichem Glamour im fußballerischen Sinn. Und auch der Sportplatz „Manfred-Werner-Stadion“ in der Bredstedter Straße 2 verströmt mit seinen kleinen Tribünen eher ländlichen Charme und wirkt aus der Ferne betrachtet wie ein Dauerprovisorium. Für das Aufstiegsspiel muss Weiche nach Kiel ins dortige Holstein-Stadion umziehen. Das Holstein-Stadion fasst ca. 13.400 Zuschauer. Es ist damit zu rechnen, dass die Energie-Fans die Partie zu einem ersten Heimspiel machen werden.

Kein Provisorium ist das Team von Trainer Daniel Jurgeleit, dass eindrucksvoll die Konkurrenten aus Hamburg und Wolfsburg über weite Strecken der Saison auf Distanz zu halten vermochte. Dass es nach hinten jetzt doch noch so eng wurde, ist dem Umstand geschuldet, dass Weiche im April und Mai ein extrem strammes Programm aus Nachholspielen zusätzlich zu den regulären Begegnungen zu absolvieren hatte und dem Team, dass den Aufstieg in die 3. Liga laut internem Plan erst für 2020 anvisiert hat, ein wenig die Puste auszugehen schien. Schien.

Weiche hat ebenso wie Energie noch ein Landespokalfinale zu absolvieren, spielt am kommenden Montag jedoch schon zur Mittagszeit beim Husumer SV. Mit einem Spieler, der den Unterschied machen kann: René Guder. Der Stürmer hat in dieser Saison bereits 14 Tore erzielt und trifft immer dann, wenn es mal eng wird für den SC. Die Offensivkraft hat bereits für Holstein Kiel in der 3. Liga gespielt, ist ein Leistungsträger im Team von Daniel Jurgeleit. Kein Grund jedoch für Energie-Trainer Pele Wollitz sich zu ängstigen, verfügt seine Mannschaft doch sicher über ein halbes Dutzend Akteure, die in den entscheidenden Momenten den Unterschied ausmachen können. Obwohl der Cheftrainer nicht müde wird, Respekt und Demut vor den kommenden Spielen von seinem Team einzufordern: Peles Mannen können in acht Tagen mit breiter Brust – und hoffentlich den AOK-Landespokal im Gepäck – nach Kiel fahren. Und den Grundstein legen für den ultimativen Showdown im lange ausverkauften Stadion der Freundschaft.

- von Bernd Loose -