Fernglas

Journalist und Kolumnist Bernd Loose richtet sein ganz persönliches "Fernglas" auf den FC Energie, die Liga und alles was den Fußball betrifft. Nahezu wöchentlich gibt es hier eine neue Ausgabe für Euch zum Lesen.

Endgame

1,2 Mrd. US-Dollar hat der vierte Teil der Avengers-Serie in den ersten Tagen eingespielt. Einskommazweimilliarden. In Zahlen: 1 200 000 000. Damit könnte man den Spielbetrieb des FC Energie circa zwei- bis dreihundert Jahre (!) finanziell sicherstellen, egal ob in der Bundesliga oder in welcher Klasse auch immer. Stellt sich die Frage, was das alles mit der Situation des FCE zu tun hat. Endgame heißt der Film und Endgame heißt es auch für Energie. Das nächste schon am kommenden Sonntag im Duisburger Wedau-Stadion aka Schau-ins-Land-Arena. Gegner ist der KFC Uerdingen. Auffällig geworden ist der Klub und Mitaufsteiger während der Saison durch seine regelmäßigen Trainerentlassungen, die der Sponsor, Investor und Lautsprecher Mikhail Ponomarev jeweils höchstselbst verkündete. Die Krefelder Vorstädter, mit hohen Ambitionen und einem mit etlichen bundesligaerprobten Ex-Profis gespickten Kader in die Saison gestartet, konnten sich am vergangenen Wochenende quasi den Erhalt der Klasse durch einen Auswärtssieg gegen Aalen sichern, das dadurch erstmals seit vielen Jahren den bitteren Gang in die Viertklassigkeit antreten muss

Das Hinspiel gegen Uerdingen ging Anfang Dezember bekanntermaßen verloren. Am Sonntag muss gepunktet werden, idealerweise dreifach. Eine Binse. Die Mannschaft ist willig und bereit. Und doch vermisst man aus der Ferne etwas, was der Trainer gerade in einer der letzten Pressekonferenzen hervorgehoben hat: Mentalität. Mentalität. Und nochmals Mentalität. Früher: Einsatz, Engagement, Willensstärke, breite Brust, Eier. Ohne die Grundkompetenzen geht es nicht in dieser Liga, in der vor den letzten drei Spieltagen alle Mannschaften von Platz 11 bis 19 dem VfR Aalen in die fußballerische Unterwelt folgen könnten. Mentalität ist nicht nur, vor dem Spiel anzukündigen „alles raushauen zu wollen“ und nach dem Spiel zu konstatieren „wir haben heute alles rausgehauen“, sondern im Kopf klar zu sein und sich zu sagen „heute geht hier nur eine Mannschaft als Sieger vom Platz – und das sind wir, der FCE!“ Und dies den Gegner von der ersten Sekunde spüren zu lassen. Nicht durch übertriebene Härte. Nein, ein Blick auf die Liste der Gelbgefährdeten (Streli Mamba 10, in Duisburg gesperrt) zeigt, dass das nicht das Rezept sein kann. Präsenz, Ausstrahlung, Entschlossenheit. Dann wird man auf dem Platz vom Gegner anders wahrgenommen. Und es spielt sich auch entsprechend leichter.

Dann kommt es auch nicht zu solch schwachen Vorstellungen wie in Jena, als der FCE auf einen völlig verunsicherten Gegner traf, der seit August (!) kein Heimspiel mehr gewonnen hatte und der an diesem Tag mit dem letzten Schubser über die Klippe durch Energie rechnen musste. Die Mannschaft von Pele Wollitz ließ in der zweiten Halbzeit alles vermissen, Jena gewann nicht unverdient und findet sich nach der erfolgreichen Reanimation durch den FCE nach vier Siegen in Folge über dem ominösen „Strich“ wieder. Auch das (zu diesem Zeitpunkt) Sechspunktespiel in Zwickau an diesem letzten Montag im März lässt sich unter Aufbau Ost ablegen. Die Zwickauer gewannen mit dem Sieg gegen Energie vier von den letzten sechs Spielen und haben sich aus der Abstiegszone katapultiert. An diesen Tagen hätten 90 Prozent dessen gereicht, was Pele Wollitz immer wieder von seinen Schützlingen einfordert. Spielerisch kann Energie mithalten, wie die Heimspiele gegen den designierten Aufsteiger Karlsruher SC und Meister VfL Osnabrück gezeigt haben. Einzig die immens hohe Fehlerquote in der Defensive und eine gefühlte Unsortiertheit bei den Gegentoren verhagelt den Lausitzern auch die Heimbilanz gründlich. Lediglich fünf von achtzehn Heimspielen konnten gewonnen werden. Es muss definitiv noch ein sechster Heimdreier her. Und nicht nur das. Fünf Punkte sind die Minimalquote aus den drei Spielen. Sonst wird es megaschwer, die Klasse zu halten.

Gefordert sind auch die Fans. Gegen Aalen müssen acht- bis zehntausend Zuschauer kommen. Es könnte schon das entscheidende Spiel um den Klassenerhalt sein. Der Kader ist definitiv drittligatauglich. Man stelle sich einmal vor, Energie wäre vom Verletzungspech verschont geblieben. Nur zu 50 Prozent. Die Mannschaft hätte die Qualität, weiter oben mitzumischen. Und würde sich zukünftig jegliches Endgame schon viel früher in der Saison ersparen.

- von Bernd Loose -