Fernglas

Journalist und Kolumnist Bernd Loose richtet sein ganz persönliches "Fernglas" auf den FC Energie, die Liga und alles was den Fußball betrifft. Nahezu wöchentlich gibt es hier eine neue Ausgabe für Euch zum Lesen.

Tage der Arbeit – ein subjektiver Jahresrückblick

Der 1. Mai ist allgemein einer der beliebtesten Feiertage in unserem Land. Tag der Arbeiterbewegung, Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse oder auch als Maifeiertag bezeichnet, ist dieser Tag eine wunderbare Gelegenheit, z.B. seinen Kater nach einer durchzechten Walpurgisnacht zu verjagen, oder einfach mal die Seele baumeln zu lassen, ob mit oder ohne Kater. Die Bezeichnung „Tag der Arbeit“ ist auf alle Fälle irgendwie paradox. Beim FC Energie Cottbus ist jeder Spieltag eine Art 1. Mai, denn an diesen Tagen wird gearbeitet. Fußball gearbeitet. Nicht zuletzt dokumentiert durch die Bekleidung der sportlich Verantwortlichen an der Seitenlinie. Unisono in schicken Outfits des Ausrüsters Jako gekleidet zeigen alle, was hier heute abgeht: Es wird gearbeitet. Wir sind hier nicht in der fußballerischen Sterneküche, wo bei den Trainern in der Regel feiner Zwirn zum Matchday getragen wird. Nein, hier in Liga 3 verdeutlicht das Team hinter dem Team: Wir tragen auch heute das, was wir die ganze Woche getragen haben. Sportkleidung. In höheren Gefilden ist das natürlich anders. Erinnert sei nur an den legendären Trainer der Frankfurter Eintracht Dragoslav Stepanovic, der ausschließlich im feinsten Armani-Zwirn an den Spieltagen vor seiner Trainerbank Zigarren der Marke Davidoff verrauchte. Darauf einmal angesprochen, antwortete Stepi in seinem originellen serbo-hessisch: “Ich habb‘ die ganse Woch‘ gearbeid‘, heut‘, beim Spiel, is‘ für mich Feierdaach.“ Guardiola, Simeone, Mancini, Ancelotti, Wenger. Keiner von ihnen wurde je am Spielfeldrand in Sportkleidung gesichtet. Anders in der 3. Liga. Stop! So beginnt man keinen Jahresrückblick.

Meine persönliche Einschätzung des FCE-Jahres 2018 ist durchaus zwiespältig. Sinnbildlich für die Situation des FC Energie und der gesamten Liga steht ein Artikel aus dem Fußballmagazin „11Freunde“, verfasst von Yanicc Lacombe, FCE-Fan und Autor, den Energie auf Twitter empfiehlt (https://www.11freunde.de/artikel/mein-fussballmoment-des-jahres). In Lacombes Stück kommt zum Ausdruck, welche Leidensfähigkeit ein Energie-Fan in diesen Zeiten mitbringen muss, zwischen den Zeilen steckt jedoch die klare Botschaft, dass irgendetwas nicht zusammenpasst im Konstrukt Profifußball, so, wie er sich derzeit in Deutschland aufstellt. Meine Sicht der Dinge etwas später. Auf den Aufstieg, erneuten Gewinn des Landespokals und das Elfmeter-Drama gegen Freiburg in der 1. Hauptrunde des DFB-Vereinspokals muss ich nicht weiter eingehen. Das wurde schon seinerzeit ausreichend gewürdigt.

Geht es darum, den Spieler des Jahres zu küren, kann die Antwort nur Marc Stein lauten. Der Käpt’n, der Stony, wie er von seinen Spielerkollegen (früher hieß das mal Mannschaftskameraden) liebevoll genannt wird, ist Protagonist in meinem Fußballmoment des Jahres. Unvergessen die Schrecksekunde auf dem Betzenberg am 2. November, als Stein schon früh in der Partie von seinem Gegenspieler im Kampf um den Ball rüde abgeräumt wurde und benommen liegenblieb. Kurioserweise bekam der Käpitän der Lausitzer den Freistoß gegen sich ausgesprochen. Stein wurde am Spielfeldrand behandelt während die Zeitlupe das Schlimmste erahnen ließ: Nasenbeinbruch. Ende der Veranstaltung. Ende der Veranstaltung? Nicht mit Stony. „Bewaffnet“ mit zwei riesigen Tampons in den Nasenlöchern machte Marc Stein kurze Zeit später weiter, erzielte das wichtige 1:0 noch in der ersten Halbzeit per Kopf (!) und ebnete damit den Weg zum zweiten Auswärtsdreier von Energie. Ebenfalls erwähnenswert, wie Stein gegen die Spielvereinigung Unterhaching durch seine zwei späten Tore die Nordwand und das gesamte Stadion der Freundschaft zum Beben brachte und seinem Team zumindest einen Punkt gegen die ambitionierten Münchener Vorstädter sicherte. Der Mann mit der Nummer 21 ist ganz klar meine Nummer 1 des Jahres 2018.

Bei einem weiteren Spieler muss ich etwas Abbitte leisten, denn ohne ihn würde Energie in der Tabelle nicht „über dem Strich“ überwintern. Dimitar Rangelov hat mit seinen Toren dem FCE mindestens vier Punkte auf dem Tableau verschafft. Und das ohne Spielpraxis, nach langer Pause und einigem Hin und Her vor der Verpflichtung. Ich hatte dem bald 36-jährigen Bulgaren nicht zugetraut, in dieser Spielklasse noch einmal Fuß fassen zu können. Das war eine kapitale Fehleinschätzung. Sorry, Mitko! Wie sagte schon Uli Stein ganz richtig: „Es gibt keine alten Spieler, es gibt nur gute und schlechte."

Herbe Verluste muss der FCE in der Führungsetage verzeichnen. Dem langjährigen Geschäftsführer Normen Kothe sollte der große Dank aller Energie-Fans gelten. Normen Kothe war ein 24/7-Mann, er brachte alle seine Fähigkeiten zum Wohle des Vereins ein. Die jahrelange Arbeit konnte man ihm schon lange ansehen. Körperlich spüren, wenn man ihn traf. Es ist nachvollziehbar, dass er nun auf eigenen Wunsch bei der Stadt Cottbus als Betriebsleiter Grün- und Parkanlagen ein ganz anderes Berufsfeld betritt. Mit geregelten Arbeitszeiten und eventueller Pensionsberechtigung. Und dem ein oder anderen Besuch im Eliaspark. Viel Glück und alles Gute Normen! Seinem Nachfolger Karsten Sachs ebenfalls alles Gute für diese hochanspruchsvolle Funktion im FCE.
Eine weitere, eher kurze und doch hochintensive Ära endet mit dem Rückzug von Michael Wahlich als Präsident des FC Energie Cottbus e.V. zum Ende des Jahres 2018. Er trägt sich mit der faktischen Rettung des Vereins Ende 2016 und dem Wiederaufstieg in die 3. Liga im Frühsommer 2018 in die Chroniken des FCE ein. Er war ein Integrator, Moderator, ein Präsident für alle, kein Selbstdarsteller und ein Mann, der in den wenigen Interviews, die er gab, die Dinge auf den Punkt brachte. Oftmals augenzwinkernd mit einem verschmitzten Lächeln. Danke Herr Wahlich!

Um Gottes Willen! Schon fünftausend Zeichen und noch nicht einmal Pele Wollitz erwähnt! Der Cheftrainer ist der Anker zwischen der Mannschaft und den Gremien des Vereins. Meistens Lautsprecher, manchmal Philosoph. Steht für seine Dinge ein. Hat die Regionalliga-Reform zu einem Gutteil mit angeschoben. Legt seine Finger immer wieder in die Wunden, streut Salz hinterher, wohlwissend, dass er sich damit auch schon mal selbst wehtut. Er ist ein Original, mit der Region verwachsen. Manchmal denke ich, kann es beim FCE eine Zeit nach Wollitz geben. Im Prinzip ja, aber eher undenkbar. Er macht alles, um den Verein in der Außenwirkung populärer zu bekommen. Er öffnet die Türen für Telekom Sport, lässt den TV-Rechtevermarkter der 3. Liga tief eintauchen in die Welt des Lausitzer Traditionsvereins. Alles für den FCE. Und doch schwingt in seinen Pressekonferenzen oftmals etwas Resignatives mit, wenn Pele beispielsweise bemängelt, dass der Verein nicht in der Lage ist, Großsponsoren zu gewinnen oder es aus finanziellen Gründen nicht möglich ist ein Wintertrainingslager durchzuführen.

Es muss sich etwas ändern beim FCE. Die Strukturen sollten kurzfristig im Sinne eines gesunden Profispielbetriebs optimiert werden. Die Lizenzspieler aus dem Verein ausgegliedert, das Stadion der Freundschaft in eine Betriebsgesellschaft eingebracht werden. Alles unter der Regie des e.V. natürlich, der sich dadurch Freiräume und Optionen verschaffen könnte, Abhängigkeiten zu verringern und die finanzielle Struktur des Vereins auf eine breitere Basis zu stellen. Denn eines ist klar: Ein „weiter so“ verschiebt die Schwierigkeiten des Vereins nur um einige Jahre in die Zukunft. Wie so etwas endet, weiß man nur zu genau. Warnende Beispiele gibt es genug.

Und da sind wir nun wieder bei dem oben bereits erwähnten Artikel von Yannic Lacombe. „Unser Autor ist Fan eines durchschnittlichen Drittligisten.“ steht in dem Header, eine Art Unter-Überschrift, zu lesen. In dem Satz lese ich auch, dass die 3. Liga durchschnittlich ist. Da fällt man doch vom Glauben ab. Durchschnitt. Laut Duden Mittelmaß. So wird das nix mit einer besseren Vermarktung. Es gibt im Souterrain des deutschen Profifußballs einige Ungereimtheiten, die am Ende des Tages aus meiner Sicht eine Wettbewerbsverzerrung darstellen. Wenn Vereine, die aus der 2. Liga abgestiegen sind, Zahlungen aus einem Solidaritätsfonds in sechs- bis siebenstelliger Höhe erhalten, halte ich das für falsch. Wenn Kommunen Fußballstadien für 30 – 40 Millionen Euro modernisieren (wie in Münster) oder neu errichten (wie in Karlsruhe), das Stadion der Freundschaft jedoch Kosten in Höhe von einer Million Euro pro Jahr für den Verein als Eigentümer verursacht, halte ich das für einen existenzbedrohenden Standortnachteil. Wenn ausländische Investoren sich einen Verein als Spielzeug halten und eine Mannschaft mit Ex-Bundesliga-Profis spicken, um einen Durchmarsch von Liga 5 nach ganz oben zu pushen, dann halte ich das für rechtlich vielleicht in Ordnung, aber was das Financial Fairplay betrifft für mehr als bedenklich. Dass der Kollege Lacombe den inzwischen recht unübersichtlichen Markt an Pay-TV-Anbietern als latent qualitätsschädigend einstuft – meine Interpretation – ist der Gier aller beteiligten Unternehmen geschuldet. Wer bezahlt am Ende, ist immer der Fußballanhänger. Entweder als Abonnent und/oder als Verbraucher, der mit dem Kauf eines Autos, eines Fernsehers, Computers oder Smartphones immer auch den Fußball ein bisschen mitfinanziert. Selbst mit dem Einkauf beim Discounter um die Ecke. Denn der macht auch Werbung auf den Bezahl-Kanälen. Da bleibt wenig Platz für Fußball-Romantik. Und doch: Wenn der fast 36 Lenze zählende Spieler des durchschnittlichen Drittligisten bei strömendem Regen in einem mit 2997 Zuschauern spärlich besuchten durchschnittlichen Drittligaspiel kurz vor dem Abpfiff das 3:3 erzielt, dann werden Geschichten geschrieben, die sich hinter den großen Dramen der Champions League nicht verstecken müssen.
Da oben, bei den Großen der Zunft wird er zelebriert, der Fußball. Mit bestens gekleideten Coaches am Spielfeldrand. Im Souterrain wird Fußball gearbeitet. Nicht durchschnittlich, aber immer im Trainings-Outfit des Ausrüsters. Spieltage sind Tage der Arbeit.

Auf in ein gutes und erfolgreiches Jahr 2019!

- von Bernd Loose -