Fernglas

Journalist und Kolumnist Bernd Loose richtet sein ganz persönliches "Fernglas" auf den FC Energie, die Liga und alles was den Fußball betrifft. Nahezu wöchentlich gibt es hier eine neue Ausgabe für Euch zum Lesen.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Sie erscheinen immer wieder in den Medien, ob im TV, online auf den einschlägigen Internetseiten oder letztlich auch im Print: Sepp Herbergers Weisheiten. Der legendäre Fußballlehrer, der Deutschland im Jahr 1954 zur Weltmeisterschaft führte, hat es immer auf den Punkt gebracht. „Der Ball ist rund“, was soviel heißen soll wie “Im Fußball kann alles passieren“, oder „Ein Spiel dauert 90 Minuten“, eine Binse, die verdeutlichen soll, dass selbst in der letzten Sekunde (der Nachspielzeit) eines Spiels noch etwas Entscheidendes passieren kann. Oder eben der in der Überschrift genannte Spruch, der verdeutlicht, dass es schon damals, Mitte des vergangenen Jahrhunderts, nach dem Abpfiff kein Rasten und Ruhen gab, sondern schon am Tag nach dem Spiel die Vorbereitung auf die nächste Begegnung beginnt.

Nicht anders läuft es auch bei dem „Neu“-Drittligisten Energie Cottbus. Der Adrenalin- und Endorphin-Spiegel hat sich bei noch nicht allen nach dem vergangenen Sonntag auf Normalmaß zurückgestellt, die Mannschaft feiert auf Mallorca die Versetzung in die nächsthöhere Klasse und die Medien reflektieren die unzähligen schönen und die sehr raren weniger schönen Momente rund um dieses für die Stadt und Region identitätsstiftende Ereignis, welches letztlich doch nur ein Fußballspiel war. Aber was für eins. Nicht das Spiel an sich elektrisierte die Massen. Nein, diese 90 Minuten waren kein Spektakel wie beispielsweise das DFB-Pokalspiel gegen den VfB Stuttgart. Dieses Spiel war ein Statement der Masse, dass der Fußball ein Sport für alle Fußballbegeisterten ist und bleiben sollte. Und dass sich die Menschen, die ins Stadion pilgern, 90 Minuten Sport wünschen, ohne den Missbrauch für Ideologien, gleich welcher Einfärbung. Es war mehr als eine Aktion, diese phänomenale Choreographie kurz vor Beginn des Spiels, die das ganze Stadion in rot-weiß einfärbte. Es war eine Demonstration der Menschen, dass sie für diese Farben ins Stadion kommen und auf braune, blaue, oder sonstige, politisch eingefärbte Ideologien verzichten können und sich davon distanzieren.

Zurück zu den Herberger’schen Weisheiten. ‚Nach dem Spiel ist vor dem Spiel‘ bedeutet natürlich, dass im Hinblick auf den Start der 3. Liga am 27. Juli alle sportlichen Leiter zusammen mit ihren Mitarbeitern und Kaderplanern versuchen werden, ihre Mannschaften in den nächsten acht Wochen optimal zusammenzustellen und vorzubereiten. Nicht wenige sprechen davon, dass die 3. Liga Jahrgang 2018/19 die beste aller Zeiten sei. Die hochkarätige Besetzung lässt die Mission Klassenerhalt als das einzig realistische Ziel für den FCE erscheinen. Mehr zu erwarten würde bedeuten, sofort eine Drucksituation zu generieren. Und eine entsprechende Erwartungshaltung bei den Fans zu erzeugen, die die gesamte Saison im Hintergrund mitlaufen würde. Das darf nicht die Prämisse sein. 45 Punkte sind wohl erforderlich, um die Klasse sicher zu halten. Denn es gibt zwar einige Aufstiegskandidaten, aber wer in dieser Klasse am 18. Mai 2019 ins sprichwörtliche Gras beißen wird, ist keineswegs ausgemacht.

Es gibt für Pele Wollitz und sein Team nur ein Ziel. Nach dem 38. Spieltag sagen zu können: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel – in der 3. Liga.       

- von Bernd Loose -