Fernglas

Journalist und Kolumnist Bernd Loose richtet sein ganz persönliches "Fernglas" auf den FC Energie, die Liga und alles was den Fußball betrifft. Nahezu wöchentlich gibt es hier eine neue Ausgabe für Euch zum Lesen.

Der verlängerte Arm des Publikums

Der verlängerte Arm des Publikums

Tolcay Cigercy dreht mit seinem lupenreinen Hattrick in neun Minuten quasi im Alleingang das Spiel gegen Rot-Weiß Essen. Und verleiht sich damit einmal mehr den Titel „Man of the Match“.

Na, vibriert es noch in Euch? Der Autor dieser Zeilen knabbert noch immer emotional an diesem Spiel, welches sicher in die Annalen des Vereins eingehen, vielleicht sogar noch beim 100-jährigen Jubiläum im Jahr 2066 den Jüngeren unter den Energie-Fans Gesprächsstoff liefern wird. Zugegebenermaßen sah es nach dem 1:3 Rückstand durch Marek Janssen in der 53. Minute nicht so aus, als könnten unsere Rot-Weißen zurückkommen in ein Spiel, dass die Essener bis dahin weitgehend souverän und seriös im Stile eines Aufstiegsaspiranten gestaltet hatten.

Zwanzig Minuten dauerte es dann, bis die Mannen vom Eliaspark genug Energie von den Rängen aufgesaugt hatten (zum Niederknien: diese unbeschreiblichen Fans!), um den niemals endenden Glauben an sich selbst in Zählbares umzumünzen. Ein sicher verwandelter Elfmeter, ein schlitzohriger Freistoß und ein unnachahmlich geschlenzter Schuss, unhaltbar für den guten Golz unter der Essener Latte, drehten das Spiel und das längst zum Hexenkessel mutierte LEAG Energie Stadion eskalierte vollends. Es konnte kein anderer als unsere Nummer 10, Tolcay „Tolli“ Cigercy sein, der zum wiederholten Male den Unterschied auf dem Platz machte und quasi als verlängerter Arm des nimmermüden Lausitzer Publikums dessen Energie aufnahm, auf dem Platz durch seine Spielkunst den Glauben der Fans an ihre Mannschaft hochhielt und alle auf die Reise zu seinem fulminanten Hattrick mitnahm.

Selbst Gästetrainer Uwe Koschinat, der erfahrene und mit allen Wassern gewaschene Übungsleiter mit Koblenzer Wurzeln, räumte erst vor den Kameras von Magenta ein „dass dieser Spieler in der Liga nix zu suchen hat und mindestens 2. Bundesliga spielen müsste“ und hob später auch in der Pressekonferenz den Einfluss des Publikums auf den Spielverlauf dieses absolut fairen Spitzentreffens hervor. Unser Cheftrainer, der seit gut einer Woche die Medienschaffenden ein wenig links liegen lässt und fremdelt, um sich vielleicht mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren, dankte dem Essener Trainer für seine messerscharfe Analyse und gab sich ansonsten für seine Verhältnisse ungewohnt einsilbig.

Die Frage nach dem „Warum?“ stellt sich nicht, denn Pele weiß, was er tut. Ein bisschen „Hakuna Matata“ – so heißt übrigens mein Podcast mit der Ergänzung „Rentner-Edition“, den ich seit Januar im wöchentlichen Turnus immer freitags bei einer weltweit führenden, großen Musikstreaming- und Podcastplattform unentgeltlich veröffentliche – würde unserem geliebten Cheftrainer in diesen Zeiten voller Stress und Druck vielleicht guttun.

Was jetzt unter Woche zu tun ist, war für den „Man of the Match“ Tolcay Cigerci glasklar: „Ein bisschen zur Ruhe kommen nach dem Spiel und unter der Woche wieder Gas geben für die nächste Aufgabe bei Viktoria Köln.“

Gas geben sollten auch die Fans bei der Ticketbeschaffung für den kommenden Sonntag. Das nächste „Auswärtsheimspiel“ im Stadion Höhenberg zu Köln erfordert jeden der es mit unserem FC Energie hält. Damit „Tolli“ wieder mit Energie und Spielkunst der verlängerte Arm der Fans sein kann und unsere Rot-Weißen zu drei Punkten führt.

- Bernd Loose -