15.03.2021 14:30 | Projekt Zukunft in seiner Grundidee alternativlos

„Mut zu Veränderungen beweisen“

Im Nachwuchsleistungszentrum unseres FC Energie Cottbus ruht der Spielbetrieb seit Oktober 2020. Warum diese Phase trotzdem ungemein wichtig ist und womit sich Nachwuchstrainer und -kicker in diesen Zeiten die Liebe zum Fußball erhalten haben, verrät Leiter Sebastian König im Interview.

Herr König, mittlerweile musstet Ihr im NWLZ ein halbes Jahr ohne Wettkämpfe auskommen. Wie ist der aktuelle Stand hinsichtlich des Trainingsbetriebs?

Schon seit Beginn des zweiten Lockdowns durften wir mit Teilen unseren U17- und U19-Mannschaften trainieren, ebenso mit einigen Spielern der U16, was durch den Präsenzunterricht an der Lausitz Sportschule möglich war. Mit der neusten Eindämmungsverordnung dürfen nun auch unsere Kleinfeldteams wieder auf dem Trainingsplatz stehen.

Wie halten Sie Kontakt zu den jüngeren Spielern und trainieren diese selbstständig?

Glücklicherweise zeigen unsere Trainer ein hohes Maß an Eigeninitiative und arbeiten Woche für Woche neue Heim-Trainingspläne für die Mannschaften aus. Zudem ist es verpflichtend für die Teams mindestens einmal in der Woche in einer Videokonferenz zusammenzukommen, um den Kontakt zu halten. Der Trainer entscheidet dann, ob man sich zum „Life Kinetik Training“ trifft, eine Taktikschulung macht oder sich einfach nur zu aktuellen Themen austauscht.

Haben Sie deshalb nun auch ein Cybertraining-Angebot für andere Vereine ins Leben gerufen?

Wir haben mit dem Online-Training sehr gute Erfahrungen gemacht und möchten damit auch etwas für die Fußballer in der Region tun. Durch die technischen Möglichkeiten und das „Homeschooling“ ist fast jedes Kind in der Lage an solch einer Videokonferenz teilzunehmen. Und wenn wir es sowieso für unsere Jungs anbieten, warum dann nicht auch für alle anderen Lausitzer Kicker? Ich finde auch grandios, dass sich Spieler der Profimannschaft als Trainer-und Interviewpartner hier engagieren. Zum Flyer geht es hier.

Kommen wir zu den Leistungsmannschaften. In der Junioren Bundesliga ruht der Ball seit dem 24. Oktober 2020. Denken Sie die Saison kann noch sportlich beendet werden?

Ich bin von Hause aus Optimist und habe dennoch lange daran gezweifelt, dass es eine sportliche Beendigung der Saison gibt. Mittlerweile hat der DFB-Jugendausschuss beantragt, dass die Saison am 17. April fortgesetzt wird, die finale Bestätigung des DFB-Präsidiums steht noch aus. Das ist aber nur unter Einhaltung eines strengen Hygienekonzeptes möglich, alle Spieler und Trainer sollen 2x wöchentlich getestet werden.

Warum ist es aus ihrer Sicht so wichtig, dass die Saison fortgeführt wird und was sind die kurzfristigen Ziele?

Die Ausbildung der einzelnen Spieler steht im Vordergrund und über allem. Ohne Wettkämpfe kann sich jedoch kein Spieler weiterentwickeln, dem Jahrgang 2002 wurden durch die „Covid19-Pandemie“ zwölf Monate Spielpraxis genommen. Die U19 hat ihre Bundesligatauglichkeit mit zwei furiosen Auftritten (5:0 gegen Werder Bremen, 5:2 gegen den VfB Stuttgart) bereits nachgewiesen. Die B-Jugend besitzt noch alle Möglichkeiten, zumal sie gegen noch keinen direkten Konkurrenten gespielt hat. Zudem kehren dort wichtige Spieler nach langen Verletzungen zurück und mit Stanley Hauptstein (Zugang von RB Leipzig) haben wir die Mannschaft noch einmal verstärken können. Wir sind guter Dinge und wissen um das Privileg auch in der Corona-Zeit trainieren zu dürfen, daher wollten wir unbedingt spielen, um „unsere Champions League“ zu erhalten. Ich habe aber auch Verständnis für die Kollegen, die gegen eine Liga-Fortsetzung sind weil lange Zeit kein Trainingsbetrieb möglich war. Hier bräuchten wir aber Alternativlösungen um Wettkämpfe zu ermöglichen.

Warum bezeichnen Sie die Junioren-Bundesliga als die „Champions League“ für das Nachwuchsleistungszentrum des FC Energie?

Wir spielen gegen die besten Mannschaften Deutschlands, gegen Toptalente aus Wolfsburg, Leipzig, Bremen oder Hamburg. Andere Leistungszentren haben sowohl personell, infrastrukturell und wirtschaftlich ganz andere Möglichkeiten als wir - was nicht unlogisch erscheint bei den ganzen Bundesligisten. Als Viertligisten beide Leistungsmannschaften in der Bundesliga zu haben (deutschlandweit ist dies in Leistungszentren nur beim Chemnitzer FC und Rot-Weiß Essen der Fall), ist ein Privileg, was sich die Jungs und Trainer in den letzten Jahren durch harte und gute Arbeit verdient haben und ganz sicher nicht ohne das Schule-Leistungssport-Verbundsystem in Cottbus funktionieren würde.

Das Projekt Zukunft wird derzeit heiß diskutiert, was bezweckt der DFB damit?

Es ist eine Reaktion auf die Entwicklung des professionellen Nachwuchsfußballs in Deutschland, mit der sicherlich niemand zufrieden sein kann. Der Spieler als Individuum soll wieder stärker in den Fokus gerückt werden und es soll in vier Ebenen (Wettbewerbe, Förderstrukturen, Trainerausbildung und Fußballentwicklung) Veränderungen geben.

Für die 55 Leistungszentren in Deutschland bedeutet das speziell bei den Wettbewerben große Veränderungen. Wie sehen diese aus?

Der Ergebnisdruck soll für Trainer und Spieler ab der U14 stark minimiert und Pflichteinsatzzeiten geschaffen werden. So finden die Wettbewerbe auf höchstem Niveau unter den Leistungszentren statt, doch die Entwicklung des einzelnen Spielers steht im Mittelpunkt. Es gibt dann Entwicklungsturniere und Spiele, wo Fahrzeit und Spielzeit in besserer Relation stehen als bisher.

Verändert dies auch die Arbeit der Trainer?

Fundamental. Es geht nun wirklich um die Ausbildung des Spielers und das „Fußballspielen“ an sich, nicht nur um Ergebnisse. Wenn man aktuell U15-Regionalliga-Spiele oder U17/U19-Bundesligaspiele sieht, ist der Ball kaum noch am Boden und es geht in erster Linie darum keine Fehler zu machen. Der Lerneffekt für den einzelnen Spieler ist dadurch sehr überschaubar, das wird sich durch mutigere Trainer und Spieler deutlich verändern.

Kritiker sagen, auch junge Spieler benötigen Druck und können sich nur dann ideal auf das Profigeschäft vorbereiten?

In jedem Leitungszentrum herrscht von Natur aus ein hoher Leistungsdruck. Die Spieler haben neben den schulischen Verpflichtungen stets den Druck in den nächsten Jahrgang übernommen zu werden. Auch in dem neuen Wettbewerbsformat wird jeder Spieler unbedingt gewinnen wollen, unabhängig vom Abstieg. Spieler die keine Eigenmotivation in Wettbewerben gegen andere Leistungszentren und somit gegen die besten Nachwuchsspieler unseres Landes finden – die möchten wir nicht fördern. Auch die Diskussion um die U19-Ligastruktur können wir nicht nachvollziehen, da die absoluten Topspieler (und um die geht beim Projekt Zukunft) zumeist bereits oben bei den Profis oder in den U23-Teams zum Einsatz kommen.

Es gab generell überraschend, aber insbesondere von Bundesligamanagern und Verbandsoffiziellen, auch Kritik am Projekt Zukunft. Was entgegnen Sie denen?

Ich habe grundsätzlich für viele Ansichten Verständnis. Am Ende möchte jeder für seinen Club das Beste. Uns stört der Ansatz, erstmal etwas Neues von sich wegzuschieben und sich darüber zu beklagen, dass man nicht genügend in das Projekt involviert war – anstatt Kritik zu üben und gleichzeitig inhaltliche Lösungen zu präsentieren. Aus unserer Sicht ist das Projekt Zukunft in seiner Grundidee alternativlos und es wird wichtig sein kurzfristig an vielerlei Stellen den Mut zu Veränderungen zu beweisen.

Warum widerstrebt der Ansatz des Projektes Zukunft zahlreichen Amateurvereinen?

Auch da muss man unterscheiden, denn viele Amateurvereine sehen auch in der neuen Wettbewerbsstruktur und den Förderstrukturen ihre Chancen auf gute Nachwuchsarbeit. Grundsätzlich wünschten wir uns bei allen etwas mehr lösungsorientiertes Denken und weniger Grundsatzkritik am Projekt oder dem DFB. Jeder größere Verein besitzt die Möglichkeit, sich beim DFB als Nachwuchsleistungszentrum zertifizieren zu lassen, sobald die entsprechenden Anforderungen erfüllt werden. Natürlich muss dafür viel investiert werden, aber schließlich es geht um die Eliteförderung und da sind wir unserem Verein sehr dankbar, dass er bedingungslos hinter unserem Nachwuchsleistungszentrum steht.

Kommen wir zurück zu unserem Nachwuchsleistungszentrum. Gibt es hier kurzfristige Veränderungen, die sich auf das Projekt Zukunft beziehen?

Im Großfeldbereich sind wir seit November sehr umtriebig, die Organisation des NWLZ inhaltlich und strukturell weiterzuentwickeln. Hierzu treffen sich die Trainer mindestens einmal pro Woche zu internen Fortbildungen und Schulungen. Im Kleinfeldbereich haben wir im vergangenen Jahr bereits auf die U9-Mannschaft im Spielbetrieb verzichtet, um die Spieler nicht zu früh von den umliegenden lokalen Vereinen wegzuholen. In der neuen Saison wird es auch kein U10-Team mehr im NWLZ geben.

Wie kommt das bei den umliegenden Vereinen an?

Grundsätzlich positiv. Wir haben uns hier mit allen Jugendleitern ausgetauscht und unsere Idee präsentiert. Uns schwebt die Idee vor, Partnervereine in Cottbus und Umgebung für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Wir selber wollen und müssen natürlich auch in den entsprechenden Jahrgängen besser sichten. Die Qualität der Ausbildung in unserem Grundlagenbereich soll dauerhaft erhöht werden.

Der Lauzi-Cup hat immer wieder viele junge Spieler und Eltern aus der Region begeistert. Findet er 2021 wieder statt?

Wir wollen unbedingt dafür sorgen, dieses Highlight wieder anbieten zu können. Geplant ist das Turnier im Altersbereich der U9 und U10 und soll im August im Stadion der Freundschaft stattfinden. Natürlich müssen wir die Pandemie-Entwicklung abwarten, aber wir denken jetzt mal positiv und hoffen auf den Lauzi-Cup 2021.

Gibt es noch eine abschließende Botschaft?

Ja wir sind permanent auf der Suche nach engagierten und motivierten Mitstreitern, die uns bei der Weiterentwicklung des NWLZ unterstützen wollen. Wir wollen das Cottbuser Schule-Leistungssport-Verbundsystem noch bekannter machen: Jeder Brandenburger und Berliner Nachwuchsfußballer sollte wissen, was wir zu bieten haben!